Darüber ist sich die kynologische Literatur einig: der moderne Setter stammt vom Spaniel ab.

So schreibt Colonel J.C. Millner 1924 in seinem Buch "The Irish Setter: Its History & Training", dass der Irish Red Setter, sowie auch der Irish Red and White Setter, vom Roten Spaniel abstammen. Diese roten Spaniels wurden in gälischer Sprache Modder Rhu (der rote Hund) genannt. Es gab Spaniel bei denen eher die weiße Farbe dominierte - da kann man davon ausgehen, dass von diesen Spanieln eben die heutigen Rot-Weißen Irish Setter abstammen.

bild 21
Abb. Gemälde des flämischen Malers Anthonis van Dyck
(* 22. März 1599 in Antwerpen; † 9. Dezember 1641 in London)
zeigt adelige Kinder mit einem roten, spanielartigen Hund

Major H.D. Richardson schreibt 1857 in seinem Buch „Dogs: their origin and varieties“:

"That the Setter and the old original Land-Spaniel are identical, there can, therefore, be no doubt."

“Dass der Setter und der alte ursprüngliche Land-Spaniel identisch sind, daran kann es, folglich, keinen Zweifel geben.”

Wie und warum sich schließlich aus dem Spaniel der heutige moderne Setter entwickelte, soll jedoch in einem anderen Artikel betrachtet werden. Dieser Artikel hier, stellt eine Art unvollkommenes Puzzlespiel, eine Art Spurensuche nach den Vorfahren und Ursprüngen der heutigen Setter dar.

Die Vorfahren unserer heutigen modernen Setter waren also die Spaniel, im speziellen die Land-Spaniel – aber wer waren diese Spaniel und woher kamen sie? Die Bezeichnung dieser Hunde – Spaniel – gibt Aufschluss über die Herkunft dieser Hunde: Man nimmt an, dass diese Hunde aus Spanien stammten, denn das Wort „Spaniel“ lässt sich von dem Wort Hispania (Spanien), oder möglicherweise von der französischen Formulierung Chiens de l’Espagnol (Hunde der Spanier) oder von dem alt-französischen Wort espaigneul (spanischer Hund) ableiten.

Wie kamen die Spaniels auf die britischen Inseln?

Diese Frage ist nicht so einfach zu beantworten und man kann letztendlich anhand verschiedener Quellen nur Vermutungen darüber anstellen. Über die Herkunft der Spaniel auf den britischen Inseln kursieren verschiedene Theorien. Drei dieser Theorie sollen hier vorgestellt werden:

Die Theorie über den keltischen Ursprung

Man nimmt an, dass der heutige Welsh Springer Spaniel ein Nachfahre des Agassiner ist, welcher zu den keltischen Stämmen des römisch-besetzten Brittannien gehörte. Es ist zu vermuten, dass diese Hunde mit der Einwanderung einiger Keltenstämme um 900 v. Chr. von Spanien nach Cornwall, Wales, England und Irland gebracht wurden. Die römische Provinz Brittannien war dafür bekannt, dass von dort Hunde importiert wurden. Römische Autoren wiesen darauf hin, dass diese britischen Hunde sowohl schnell als auch stark, sowie in der Jagd und sogar im Krieg nützlich waren.

Der Autor Oppian of Apamea (or Pella) in Syria schreibt im frühen 3. Jahrhundert folgendes über den Agassiner in seinem Werk Cynegetica:

"There is a strong breed of hunting dog, small in size but no less worthy of great praise. These the wild tribes of Britons with their tattooed backs rear and call by the name of Agassian. Their size is like that of worthless and greedy domestic table dogs; squat, emanciated, shaggy, dull of eye, but endowed with feet armed with powerful claws and a mouth sharp with close-set venomous tearing teeth. It is by virtue of its nose, however, that the Agassian is most exalted, and for tracking it is the best there is; for it is very adept at discovering the tracks of things that walk upon the ground, and skilled too at marking the airborne scent."

“Es gibt eine starke Zucht von Jagdhunden, die zwar klein in der Größe aber des großen Lobes nicht weniger würdig ist. Diese werden von den wilden Stämmen der Briten, mit ihren tätowierten Rücken, Agassin genannt. Ihre Größe ist den der wertlosen und gierigen domestizierten Tischhunde ähnlich. Untersetzt, abgemagert, zottig, dumm anzuschauen, aber ausgestattet mit Füßen, die mit starken Klauen versehen sind und einem scharfen Maul was mit dicht beieinander liegenden giftigen reißenden Zähnen bewaffnet ist. Aufgrund seiner Nase, ist der Agassin der erhabenste; und für die Verfolgung von Fährten ist er der Beste; weil er im Entdecken der Spuren von Dingen die auf dem Boden laufen, sehr geschickt ist, und erfahren in dem Bemerken von Gerüchen aus dem Boden.“

Diese Beschreibung des Agassiner könnte jedoch auch auf einen terrierartigen Hund hinweisen, denn auch die Terrierleute beanspruchen den Agassiner als Vorfahrer ihrer heutigen Terrier.

Die Theorie über den römischen Ursprung

Eine andere Theorie zum Ursprung des Spaniels besteht darin, dass das römische Reich den Spaniel nach England über die Handelswege in den Fernen Osten importierte. Oberst David Hancock vermutet in seinem Buch "The Heritage of the Dog", dass der sportliche Typ des Spaniels von den aus China stammenden kurzschnäuzigen Hunden, wie den Pekinesen, den Shih-Tzu oder den Pug abstammen könnten. Es existiert die Theorie, dass diese chinesischen Vorfahren in südeuropäische Länder importiert wurden und sich dort in einem Zeitraum vom 13. bis zum 16. Jahrhundert zu einem kleinen sportlichen Spanieltyp entwickelten. Dass sich in einer solch relativ kurzen Zeit aus einem kurzschnäuzigen Hund ein Hund mit längerer Schnauze entwickeln konnte, beweist Hancock in der Entwicklung des kurzschnäuzigen King Charles Spaniel in den langschnäuzigen Cavalier King Charles Spaniel, die sich innerhalb eines Jahrhunderts vollzog.

Auch R. F. Scharff (1924) verfolgt in seinem Artikel „On the Breeds of Dogs Peculiar to Ireland and Their Origin“ eine ähnliche Theorie, mit dem King Charles Spaniel. Schon im alten Irland kannte man kleine Haushunde. Sie wurden messán bzw. mess-chú genannt, was so viel wie „kleiner Hund“ bedeutete. Woher sie stammten, ist heute nicht mehr nachvollziehbar. Solche kleinen Schoßhunde kannte man schon zu römischen Zeiten. Die Hunde, die heute als „Malteser“ geläufig sind, sind wahrscheinlich nach Rom und Griechenland importiert worden. Es ist nicht genau geklärt ob diese Malteser wirklich aus Malta stammten, denn manche Autoren vermuten ihren Ursprung in Sizilien. Ob solche kleinen spanielartigen Hunde in der Zeit König Karl I (King Charles; 1600 –1649) auf die britischen Inseln importiert wurden kann heute nicht mehr eindeutig geklärt werden. R. F. Scharff (1924) vermutet dass diese kleine spanielartige Hunderasse der britischen Inseln vielleicht sogar sehr viel älter ist.

Die Theorie über den arabischen Ursprung

Man vermutet dass die französischen Spaniel ihren Ursprung im mittleren Osten haben. Während der Kreuzzüge im 11 Jahrhundert zogen französische Ritter von ihren auch zur Jagd auf Federwild eingesetzten Jagdhunden begleitet ins Heilige Land. Es blieb unvermeidlich, dass sich diese Jagdhunde mit den dortigen arabischen Windhunden kreuzten. Die französischen Spaniel sollen das Produkt dieser Kreuzungen darstellen. Dass es einen Austausch zwischen den Europäischen und Arabischen Jägern und Falknern gab zeigt das Beispiel des Königs Friedrich II der in seinem Buch über die Beizjagd Erfahrungswerte arabischer Falkner verwertet.  Was liegt näher als die Vermutung, dass nicht nur Wissen sondern auch „Material“ in Form von Falken und Hunden zwischen den Europäern und der arabischen Welt ausgetauscht wurde? So ist es nicht verwunderlich, dass beispielsweise König Friedrich II aus dem Orient stammende Windhunde als Hunde für die Beizjagd auf Reiher und Kraniche empfiehlt.

Diese Theorien sind was sie sind: graue Theorie und es ist möglich, dass in ihnen allen ein Fünkchen Wahrheit enthalten ist, aber wahrscheinlich wird der wahre Ursprung der Spaniel für immer im Dunkel der Geschichte verborgen bleiben.

Wann werden die Spaniel zum ersten Mal erwähnt?

Es ist anzunehmen, dass die Spaniel schon seit der frühchistlichen Zeit auf den bitischen Inseln zu finden waren, denn in den walisichen Gesetzen findet man eine Bezeichnung für eine Sorte Hund, die man mit dem "Spaniel" übersetzen könnte:

Die walisischen Gesetze des Hywel Dda (zw. 942 and 950)

Howell der Gute, auch Hywel Dda (um 880 - 950) war ursprünglich König von Deheubarth im südwestlichen Wales, herrschte später aber über den größten Teil Wales. Er wird als der erfolgreichste walisische Herrscher aus der Zeit vor der normannischen Eroberung bezeichnet. Sein Name wird mit der Entwicklung der Walisischen Gesetze, die auch als Laws of Hywel (Hywels Gesetze) bekannt sind, verbunden. Die Konferenz, die bei Whitland um circa 945 abgehalten wurde, war eine Versammlung, in der die Waliser-Gesetz festgelegt und für die Nachwelt aufgeschrieben wurden. Man nimmt an, dass die Männer von Hywel vorhandene Gesetze anpassten und einige Elemente sehr viel älteren Ursprungs übernahmen, die sich in einigen Punkten dem Brehon Gesetzen Irlands (keltisches Gesetz) ähnelten. Keine der überlebenden walisischen Manuskripte sind jedoch älter als aus der 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts. Obwohl diese Manuskripte Gesetzestexte mit ihrem Ursprung im 13. Jahrhundert enthalten, sind sich Forscher einig, dass diese Manuskripte auch Material deutlich älteren Ursprungs enthalten.

bild 01  bild 02
 
Abb. zeigen links den Falkner des Königs und rechts einen Windhund
aus dem Gesetz des von Hywel Dda, Peniarth 28
 
Der gwentische Code (Cyfnerth Redaktion) ist Ende 12. des Jahrhunderts entstanden. Im Kapitel XXII. wird in den Versen 11 bis 13 der Schadensersatzanspruch bei Diebstahl eines Spaniels geregelt:

11. A Spaniel belonging to the king or the queen is one pound in value.
12. A breyr’s spaniel is six score pence in value.
13. The spaniel of an aillt is four pence in value.

11. Ein Spaniel der dem König oder der Königin gehört ist ein Pfund wert.
12. Eines Baron’s Spaniel ist sechs Penny wert.
13. Der Spaniel eines Bürgers ist vier Penny wert.

Das Walisische Wort, welches mit “Spaniel” übersetzt wird, lautet Colúyn.

Der venedotische Code" (Iorwerth Redaktion) stammt aus der ersten Hälfte 13. Jahrhunderts. Im Kapitel XIV. über den Wert eines Hundes wird in den Versen 11 bis 14 ebenfalls der Schadensersatzanspruch eines Spaniels geregelt:

11. The spaniel of the king is a pound in value.
12. The spaniel of an uchelwr, a pound.
13. The spaniel of a free-man is a six score pence in value.
14. The spaniel of an aillt four pence: the same worth as his cur.
 
11. Der Spaniel des Königs ist ein Pfund wert.
12. Der Spaniel eines Adeligen ist ein Pfund wert.
13. Der Spaniel eines freien Mannes ist sechs Penny wert.
14. Der Spaniel eines Bürgers ist vier Penny wert; derselbe Wert wie der eines anderen Hundes.

Hier lautet das Walisische Wort, welches mit “Spaniel” übersetzt wird Coluýn bzw. Koluýn.

In dem Kapitel VI. der walischen Triaden des walisischen Gesetzes ist im Vers 4 zu lesen:

“There are three higher species of dogs: a tracker, a greyhound and a spaniel.”
“Es gibt 3 höhere Arten von Hunden: den Fährtenhund, den Windhund und den Spaniel.“

Da nicht eindeutig geklärt werden kann, welche Teile wirklich keltischen Ursprungs sind, kann man nicht mit Sicherheit behaupten, dass es die Spaniel zur Zeit Howels des Guten in Britannien schon gegeben hat. So kann man anhand dieser Dokumente nur nachweisen, dass es die Spaniels seit dem Ende des 12. Jahrhunderts in Wales gegeben haben könnte. Die Übersetzung der walischen Worte Colúyn, Coluýn bzw. Koluýn bleiben eine Interpretation des Übersetzers. Timothy Lewis (2006) bestätigt in seinem “Glossar of Mediaeval Welsh Law based Upon the Black Book of Chirk”  jedoch diese Annahme. Er übesetzt das Wort koluyn (auch cholwyn) mit Spaniel, denn in der lateinischen Variante dieses Buches wird an dieser Stelle der Begriff canis Hispanici genannt. Die Variante colwyn hat Ähnlichkeiten mit dem irischen Wort culian. Damit folgt R. F. Scharff (1924) dieser Annahme in seinem Artikel “On the Breeds of Dogs Peculiar to Ireland and Their Origin”:

“(..) for the Spaniel was alluded to in the old Welsh laws of the 10th century under the name of cholwyn.”
“(..) denn in den alten walisischen Gesetzen des 10. Jahrhunderts wurde unter dem Begriff cholwyn auf den Spaniel hingewiesen“

In den walisischen Gesetzen findet man nur eine wörtliche Erwähnung eines spanielartigen Hundes,  jedoch keine Beschreibungen oder Aufschlüsse darüber was das für eine Art von Hunden war. Erst im Mittelalter kommt Licht ins Dunkel und man findet nicht nur eine der ersten ausführlichen Beschreibungen, sondern auch erste Darstellungen des Spaniels:

Gaston III de Foix-Béarn “Livre de chasse“ (1387 / 89)

Gaston III de Foix-Béarn (1331 - 1391), oder auch Gaston Phoebus genannt, war von 1343 bis zu seinem Tod Graf von Foix, Vizegraf von Béarn, Marsan und Lautrec sowie Co-Herr von Andorra. Er nannte sich selbst Fébus (Phoebus), angeblich weil er in seinem Äußeren dem griechischen Sonnengott Phoibos Apollon ähnelte. Der „Fürst der Pyrenäen“ verwaltete ein ausgedehntes Länderkonglomerat, welches am Nordhang der Pyrenäen fast die gesamte Südgrenze des heutigen Frankreichs zu Spanien umfasste. Für seine östlichen Besitzungen (Foix und Lautrec) war er ein Vasall des französischen Königs, für seine westlichen (Béarn und Marsan) aber musste er dem englischen König huldigen, der zugleich auch Herzog der Gascogne war. Dieses doppelte Abhängigkeitsverhältnis sollte sich Gaston zu nutze machen, indem er sich durch geschicktes politisches Lavieren zwischen beiden Königreichen eine nahezu souveräne fürstliche Position erkämpfte, zudem wurden seine Ländereien während des hundertjährigen Krieges von größeren Kämpfen verschont, da beide Seiten darauf bedacht waren den mächtigen Grafen von Foix nicht zu ihrem Feind zu machen.

bild 03

Abb. Zeigt Gaston, mittig unter einem baldachinartigen Aufbau thronend,
bei der Unterweisung seiner Diener vor dem Aufbruch zur Jagd
aus dem „Livre de la chasse“ des Gaston Phoebus,
Ms. Fr. 616 der Bibliothèque Nationale Paris

Die Jagd war für den Grafen eine Betätigung, die mit dem modernen Sport verglichen werden könnte, ging es doch um Spiel und Bewegung in frischer Luft: „Wer jagt, vermeidet den Müßiggang, der aller Laster Anfang ist.“ Sein Buch über die Jagd schrieb Gaston im Alter von 50 Jahren und da er nach eigenen Angaben keinen größeren Meister als ihn selbst auf dem Gebiet der Jagd kennt, stellt dies Buch die ausgereifte Arbeit eines erfahrenen Jägers dar, der seine Kunst vortrefflich beherrscht. Gaston gliedert sein Werk in 4 Bücher: 1. Überblick über das jagdbare bzw. hetzbare Wild, 2. Über die Jagdhunde, 3. Die Parforcejagd, Arbeit mit dem Leithund, Hetzjagd,  4. Fangjagd und Jagd mit der Armbrust bzw. dem Handbogen

In dem Teil über die Jagdhunde widmet sich der passionierte Jäger ausführlich den Hunden, deren Eigenschaften, Rassen und ihrem Aussehen. Außerdem schreibt er von ihren Krankheiten und deren Heilmethoden. Zum Abschluss dieses Teils stellt er Verhaltensregeln für die richtige Dressur und Pflege der Hunde auf. Erwähnt werden sollte, dass Gaston sich am liebsten der Hetz- bzw. Parforcejagd widmete und alle anderen Jagdarten eher stiefmütterlich und zum Teil oberflächlich behandelte.

Ein kleines Kapitel dieses Buches widmet er den Vogelhunden (chiens doysel = chiens d’oiseaux) bzw. Spanieln (chiens el paignols = chiens l’espagnol), die er so nannte, weil sie wohl aus Spanien stammten:

“Eine andere Art von Hunden gibt es, die man Vogelhunde nennt und Spaniel, deren Art aus Spanien kommt, gleichwohl sie in anderen Ländern vorkommen. Und solche Hunde haben viele gute Eigenschaften und auch üble. Auch sollte ein solch redlicher Jagdhund einen großen Kopf, einen großen Körper und von angemessener Farbe sein; weiße oder lohfarbene (helles Rotbraun, kann aber auch ein goldener oder mahagonifarbener Farbton sein) sind die edelsten, von solchem Farbton sie am besten. Ein guter Spaniel sollte nicht zu rau sein, aber seine Rute sollte rau sein. Die guten Eigenschaften die solche Hunde haben sind diese: sie lieben ihren Meister sehr und folgen ihm ohne ihn zu verlieren, wenn auch sie sich in einer großen Ansammlung von Menschen befinden, und meistens gehen sie vor ihrem Meister, sie rennen und wedeln mit ihren Ruten, und sie lassen das Federwild auffliegen und lassen andere wilde Kreaturen losflüchten. Aber ihr wahres Geschick gilt den Wachteln und Rebhühnern. Es ist eine gute Sache, wenn ein Mann, der einen edlen Hühnerhabicht oder einen Terzel oder einen Sperber für Rebhühner besitzt, solche Hunde hat. Und auch wenn diese Hunde gelehrt wurden vorzuliegen, dann eignen sie sich dafür Rebhühner und Wachteln mit dem Netz zu fangen. Und sie sind auch gut, wenn man ihnen beigebracht hat zu schwimmen und sie sind gut für den Fluss und für die Enten, wenn diese getaucht sind; andererseits haben sie viele schlechte Eigenschaften, wie das Land aus dem sie stammen.“

Zu diesem Kapitel gehört eine Abbildung von den Vogelhunden und ihrer Natur:

bild 04

Abb. Von den Vogelhunden und ihrer Natur aus dem „Livre de la chasse“
des Gaston Phoebus, Ms. Fr. 616 der Bibliothèque Nationale Paris

Anscheinend konnte man die Spaniel, was die Jagd auf Federwild anbelangte, sehr vielfältig einsetzen. Auch stellt seine Abbildung dieser Hunde keinen einheitlichen Rassetyp dar, so wie wir ihn heute kennen. Sie unterstreicht die Annahnme, dass Jagdhunde zu einem bestimmten Typ von Hunden gehörten wenn sie sich aufgrund bestimmter Eigenschaften für eine spezielle Aufgabe eigneten, aber weniger aufgrund ihres Aussehens.

Gaston Phoebus war allerdings selbst nicht sehr begeistert von diesen Spaniels, denn sie waren seiner Meinung nach undiszipliniert und streitsüchtig und brachten eine Menge Unruhe in die von ihm bevorzugt eingesetzten Lauf- und Windhundemeuten. Seine Jagdpassion galt wohl weniger dem Federwild, denn am Ende schreibt er:

“Die Hunde für die Beizjagd haben so viele andere schlechte Eigenschaften, dass ich, solange ich keinen Hühnerhabicht oder Falken oder Beizvogel für den Fluss oder Sperber oder ein Netz habe, keinen solchen haben möchte.“

“Master of Game” by Edward Plantagenet, 2nd Duke of York (zw. 1406 - 1413)

Dieses Buch ist eine englische Übersetzung ausgewählter Kapitel des „Livre de la chasse“ von Gaston Phoebus (1331 - 1391). Edward Plantagenet, ein Enkel des Edward III., war mit Gaston Phoebus verwandt. Gaston Phoebus begann sein Werk am 1. Mai 1387 und vollendete dies 4 Jahre später. Nur etwa 15 Jahre später schrieb Edward Plantagenet seine Übersetzung. König Richard II. setzte Edward 1390 als Earl of Rutland (Mitte von England), 1397 als Herzog von Aumale (Frankreich, Normandie westlich von Amiens) ein. Es liegt nahe zu vermuten, dass der jugendliche Autor Edward Plantagenet seinen Verwandten während seines langwierigen Aufenthalts in Aquitaine besuchte, wo er später Earl wurde.

Der Duke Edward fügte der Übersetzung des „Livre de la chasse“ fünf weitere Kapitel über einige Jagdgepflogenheiten in England bei und ergänzte den übersetzten Text mit eigenen Kommentaren.

Das Kapitel XVII. handelt von den „Spaniels and their nature“ – Spaniel und ihre Natur. Bis auf zwei kleine, eher unbedeutende ergänzende Anmerkungen hat der Duke Edward dieses Kapitel vollständig von Gaston Phoebus übernommen.

Ob es diese Spaniels zu dieser Zeit auf den britischen Inseln schon gegeben hat lässt sich aus diesem Text nicht erschließen – es ist jedoch stark anzunehmen. Der Duke machte in diesem Kapitel jedenfalls keine derartigen Anmerkungen wie er es in anderen Teilen des Buches machte, wie „eine Art von Hunden, wie sie von Menschen in jenseits des Meeres, aber nicht so wie wir sie in England haben“.

“The Boke of St. Albans” von Juliana Berners (1486)

Eine weitere mittelalterliche Erwähnung und Gebrauchsbeschreibung finden wir im Buch von St. Albans der Juliana Berners (auch Julyans Barnes). Sie war eine der frühesten englischen Schriftstellerinnen und lebte ungefähr von um 1400 bis nach 1460. Nach unklarer Überlieferung war sie die Tochter von Sir James Berners, der unter der Regierung Richards II., vorher dessen Günstling, 1388 enthauptet wurde, und Priorin des Klosters Sopwell bei St. Albans. Obwohl sie sich dem christlichen Glauben zugeschrieben hatte, liebte sie die Jagd, besonders die Beizjagd und die Fischerei. 1486 erschien das heute als „The Boke of St Alban“ bekannte Werk eines unbekannten Schulmeisters des Klosters Saint Alban. Ob sie der alleinige Urheber dieses Werkes ist, ist bis heute umstritten. Einige vermuten, dass ältere französische und englische Quellen ihr als Vorlage dienten. Das „Boke of St Alban“ enthält 4 Abhandlungen über folgende Themen: Beizjagd, Jagd, Fürsorge für die Armen, Wappenkunde, Fischen mit der Angel.

bild 05

Abb. Holzschnitt zu Beginn des Abschnittes über die Jagd
in dem „Boke of St Alban“ von Juliana Berners

Die Abhandlung über die Jagd wirkt ein wenig unsortiert und zusammengepuzzelt. Es beinhaltet nicht logisch aneinander gereihte Texte über die allgemeine Klassifikation der Tiere, Terminologie der Jagd, über die Jagd auf Hirsch, Hase, Wildschwein, Rehwild und –bock, wie man den Körper eines Hirsches und eines Wildschweins aufbricht und diverse andere Themen. Ein kleines Kapitel widmet sie den Namen verschiedener Jagdhunde und erwähnt hier auch den Spaniel:

bild 06

Abb. Zeigt den Textauszug über Namen verschiedener Hunde
aus der Abhandlung über die Jagd aus dem
„Boke of Saint Albains“ von Juliana Berners von 1486

"First there is a greyhound, a bastard, a mongrel, a mastiff, a limer, a spaniel, raches, kennets,  terriers, butcher's hounds, dung-heap dogs, trundel tails and prick-eared curs, and small ladies puppies that bear away the fleas and divers small faults"

“Als erstes gibt es den Windhund, den Bastard, der Mischling, der Limer (Leithund), der Spaniel, Raches (kleiner bis mittelgroßer Spürhund), Kennets (kleine Jagdhunde / Laufhunde), Terrier, Butchers Jagdhunde (Butcher = Schlachter; Molosser-Art), Wachhunde (dung-heap dogs = Misthaufenbeller), Zughunde und spitzohrige Hunde und kleine Damenhunde, welche die Flöhe wegtragen und kleine Schwächen haben.“

Auch in ihrer Abhandlung über die Beizjagd erwähnt sie den Spaniel, der dem Falken bei der Beize auf Rebhühner assistieren soll:

bild 07

Abb. Zeigt den Textauszug die Erwähnung des Spaniels als Gehilfen zur Beizjagd
aus dem „Boke of Saint Albains“ von Juliana Berners von 1486

 “How ye shall gyde yow whan youwre hawke is redy to flie – Also ye shall lay put up a partriche Than ye haue (have) ensaymed yowre hawke: and Rerlaymed her - and that she is redy to flie to the partrich - ye most take a partrich m yowre bagge - and goo in to the felde and let yowre spanyellis fynde a Coup of patrichys .. “

„ .. und lass deinen Spaniel ein Paar Rebhühner finden ..“

“Thierbuch” von Conrad Gesner (1561)

Ende des Mittelalters waren die englischen Vogelhunde auch im übrigen Europa bekannt. Conrad Gesner (1516-1565), schweizer Arzt und Naturforscher, war ein Freund des englischen Hofarztes John Caius, dem Autor des „De Canibus Britannicis“ – dem Buch über Klassifikation der Hunde. Conrad Gesner galt größter Naturforscher seiner Zeit. Er wird auch als Vater der Bibliographie und Zoologie bezeichnet. In seinem Standardwerk über die Tiere, welches erstmalig 1561 erschien, widmet Gesner nicht nur den Vogelhunden im Allgemeinen, sondern auch speziell den englischen Vogelhunden jeweils einen eigenen Eintrag:

bild 08

Abb. Zeigt den Textauszug über die Vogelhunde
aus dem Thierbuch von Conrad Gesner, 1606

 „Von dem Vogelhund - Diese Hund so zu den vöglen gebraucht werden / habe solche tugend nit von natur / sonder werden solches in etlicher zeit gelehret mit zucht und streichen / allein haben sie von natur die Scherpffe dess geruchs / sind ganz dienstlich und dem adel breuchlich / sind ganz still so sie das gefögel ersehen / lassen sich mit dem garn herziehen: werden auff Teutsch genannt Vogelhund / und von etlichen Wachtelhund / auch Forstenhund“

bild 09

Abb. Zeigt den Textauszug über die englischen Vogelhunde,
die Canis Aviarius Campestris aus dem Thierbuch von Conrad Gesner, 1606

 „Von dem englischen Vogelhund (Canis Aviarius, Campestris) - Diese Hund pflegen die englischen Edelleuth zubrauchen indem gejagt der Vögeln / als Fasanen und Rephünern / welches gejagt sie brauchen mit dem Falchen / oder Herren Vogel nach der edlen brauch und gewohnheit. Solcher werden von allerley farben gesehen: doch der mehrer theil weiß / und so sie etwas flecken haben / so sein ihr doch wenig / groß und rot flecken. Hat bey den Engellendern kein sondern namen / allein vor dem vogel oder Falchen welch er das gejagt vor zeigt.“

„De Canibus Britannicis“ von John Caius (1570)

Der englische Hofarzt John Caius (1510 – 1573) veröffentlichte mit seinem Buch „De Canibus Britannicis“ den frühesten Versuch einer vollständigen Klassifikation der Hunde.

John Caius beschrieb in seinem Buch, in der Sektion II seiner Ausführungen über britische Hunde, die Jagdhunde, welche für die Jagd auf Federwild gebraucht wurden. Er unterschied grundsätzlich zwei verschiedene Arten von Jagdhunde, die für die Jagd auf befiedertes Wild geeignet waren: der eine für die Jagd auf dem Land, der andere für die Jagd im Wasser. Die Jagdhunde für die Jagd zu Lande unterteilte man nochmals in Abhängigkeit von der Jagdart: zum einen für die Beizjagd und zum anderen für die Jagd mit dem Netz. Außerdem benannte man sie nach der jeweiligen Jagd- oder Wildart, auf die sie vornehmlich fixiert waren: Hunde für die Jagd unter dem Falken, für den Fasan, für Rebhühner usw. Die Land-Spaniel zeichneten sich durch ihre Schnelligkeit und Führigkeit bei der Suche aus. Sie sollten Wild finden, es mit oder ohne ein heimliches Kommando oder Zeichen heraus stoßen.

Die meisten dieser Spaniel waren überwiegend weiß gefärbt, es gab allerdings auch welche mit roter Fleckung – seltener waren Hunde, die vollständig rot oder schwarz gefärbt waren. John Caius schreibt außerdem von spanielartigen Hunden, die aus Frankreich stammten. Diese waren schwarz-weiß gesprenkelt, und manche dieser Farbmischungen ließen die Hunde blau erscheinen. Diese Hunde nannte man „French Dogges“ – Französische Hunde.

All diese Jagdhunde bezeichnete man als „Spaniel“ bzw. in lateinischer Sprache Hispaniolus da ihre Vorfahren aus Spanien stammten. Den Spaniel für die Jagd auf Wassergeflügel bezeichnete man auch als Aquaticus  – als Wasser-Spaniel. Die beiden Spanieltypen unterschieden sich nicht nur in ihrer Jagdpreferenz, sondern auch im Aussehen, ihrer Größe und ihrer grundsätzlichen Art zu jagen. So war der Wasser-Spaniel ziemlich groß, mit langem, rauem und gelocktem Fell, welches ab und an geschnitten werden musste, damit der Hund ungehindert schwimmen konnte.

Die Vogelhunde

In Gaston Phoebus “Livre de chasse” und in Conrad Gesners „Thierbuch“ findet man einen bedeutenden Hinweis: die Spaniel gehören zu einer Gruppe von Jagdhunden, die man „Vogelhunde“ nennt. Die Entwicklung solcher Hunde für die Jagd auf Vögel vollzog sich im gesamten europäischen Raum, nicht nur in Spanien, Frankreich oder schließlich Brittannien.

Die Entwicklung stand im Zusammenhang der Etablierung der Jagd auf Federwild mit dem Netz (Tirassieren) und der Jagd mit dem Falken bzw. Habicht (Beizjagd). Im Mittelalter tauchten diese für die Jagd auf Federwild geeigneten Hunde in einigen Schriftstücken aus dem Dunkel der Geschichte auf, jedoch kann man zur Zeit des Mittelalters noch nicht von Hunderassen im heutigen Sinne sprechen. Das Wort „Hundearten“ trifft eher den Kern der Aussage, denn die Hunde wurden damals eher nach ihrer Funktion, als nach ihrem Aussehen eingeteilt. Ein Hund war „edel“ oder „reinrassig“ wenn er ein ausgezeichneter Jäger und besonders talentiert für seinen Aufgabenbereich war. Man bezeichnete Hunde welche für die Jagd auf Vögel geeignet waren, unter anderem als Habichtshunde, Vogelhunde, Wachtelhunde oder Beizhunde, jeweils in den verschiedenen Schreibweisen und Sprachen. Im folgenden Text sollen einige Literaturbeispiele für die Erwähnung solcher Vogelhunde angeführt werden – sie erhalten nicht den Anspruch auf Vollständigkeit.

Erwähnung der Vogelhunde in Gesetzestexten

Deutschland / Bayern: Lex Baiuwariorum (um 741 / 743)

Die Lex Baiuwariorum ist die älteste Sammlung von Gesetzen des Bayernstammes. Man datiert die Entstehungszeit der Pergamenthandschrift in die Zeit des 6. bis 7. Jahrhunderts. Manche geben für die Entstehung aber sogar das 5. Jahrhundert an. Als einer der ersten Schreiber dieses bayrischen Stammesrechtes gilt der Abt Eberswind der Abtei Niederaltaich. Die Initiative für die Erstellung dieser Schrift soll von Herzog Odilo (um 715 bis 748) ausgegangen sein, der auch als Gründer der Abtei Niederaltaich gilt. Die Lex Baiuvariorum enthält in 23 Artikeln Rechtssätze und Verfahrensregeln zu Straf-, Prozess- und Privatrecht teilweise getrennt für die einzelnen Stände (Kleriker, Adlige, Freie, Freigelassene, Unfreie) sowie Grundsätze zur Verwaltung des Kirchengutes.

Das Kapitel 20. „von Hunden und ihrer Buße“ regelte die Schadensersatzansprüche für die verschiedenen Hundetypen. Im 6. Paragrafen wird der Habichtshund erwähnt:

„XX. Canibus et eorum conpositione (..) 6. De eo cane, qui dicitur hapuhhunt, pari sententia subiaceat.”

Während der leitihunt (Leithund), der spurihunt (Spürhund), der piparhunt (Biberhund, der unter der Erde jagt) und die canibus qui ursus vel bubulis, quod svarzwild (Hunde die Großwild wie Bären, Wisente oder Schwarzwild verfolgen) gejagt haben mit 6 Solidi vergolten werden sollte, sollten der triphunt (der abgerichtete Jagdhund, den sie Treibhund nennen), der canis veltricis (Windhund der Hasen nicht hetzen, sondern durch ihre Geschwindigkeit ergreifen sollte) der hapuhhunt (Habichtshund) nur mit 3 Solidi vergolten werden. Für den Habichtshund kennt man verschiedene Schreibweisen der verschiedenen Handschriften: apuhhunt, hapiiphunt, habechunt, haphunt, apuutunth, aputhun, ahapich hunt, habuchhunt, apihunt, habughunt, apud uuicari, apud huie, hapichhunt, hapihuhunt, canis acceptoricius, Canis acceptor, weil er mit dem Accipitre Vögel fängt, und auch wachhunt für Wachtelhund. Es ist anzunehmen dass diese genannten Hunde zur Beizjagd bzw. zur Vogeljagd eingesetzt wurden.

bild 10     bild 11

Abb. Zwei der ersten Seiten aus dem Lex Baiuvariorum,
Ingolstädter Handschrift, Entstehungszeit ca. 800-825

 
Friesland/Niederlande & Deutschland: Lex Frisionum (um 790)

Die Lex Frisionum, also das das Gesetz der Friesen, ist eine Sammlung frühmittelalterlicher Rechtsvorschriften des friesischen Volkes. In ihr werden Regeln aus dem überlieferten friesischen Strafrecht gesammelt und mit aufgezwungenen fränkischen Gesetzen in einer Übersicht zusammengefasst. Die Sprache der frühesten Version der Lex Frisionum ist Latein.

Im 4. Titel „von Tötung eines fremden Knechts oder Tieres“ werden Schadensersatzansprüche geregelt. In Paragraf 4 wird der Wert eines Habichtshundes und einer kleinen Bracke mit 4 Solidi tituliert:

“Tit. IV. De servo aut iumento alieno occiso (..) 4. Hoc inter Laubaci et Sincfalam: Canem acceptoricium, vel bracconem parvum, quem barmbraccum vocant, 4 solidis componat“

In Paragraf 8 erkennt man einen Wertevergleich zwischen den verschiedenen Hunderassen. Der Schadensersatzanspruch wird es wie folgt geregelt: Ein Habichtshund sollte mit 8, eine kleine Bracke (eine Art Beagle) sollte mit 12, ein Hofwachhund mit 4 und ein Hund, der einen Wolf abwehren konnte (Hütehund) mit 8 Solidi vergolten werden.

“Tit. IV. De servo aut iumento alieno occiso (..) 8. Trans Laubaci: canem acceptorem 8, barmbraccum 12, custodem pecorum vel domus 4, qui lupum lacerat 8.”

Von diesen erwähnten Habichtshunden nimmt man an, dass sie u.a. die Vorfahren der heutigen spanielartigen Münsterländer (Heidewachtel) sein könnten.

Deutschland/Schwaben: Schwabenspiegel (um 1275)

Der Schwabenspiegel ist ein um 1275 entstandenes Rechtsbuch für das außersächsische Deutschland von einem unbekannten Augsburger Franziskaner. Er befasst sich in der mittelalterlichen Form eines Spiegels vornehmlich mit dem Land- und Lehnsrecht (auch Kaiserrecht). Der Schwabenspiegel geht auf Quellen aus der Bibel, römischen und kanonischen Rechts, sowie Reichsgesetzen zurück und lehnt sich an Sachsenspiegel und Deutschenspiegel an. Im Schwabenspiegel wird der wachtel hunt erwähnt. Es ist anzunehmen, dass dieser für die Jagd auf Wachteln eingesetzt wurde In welcher Form ist allerdings nicht überliefert.

„Von allerley hund wer die schlecht oder stiltt. (..) der muß eynen als gutten geben als yener was unnd sechs schilling. (..) Eyn wachtel hund hatt das selb recht und drey schilling darzu.“

Im Vergleich dazu sollte der Leithund (leythund), der Bieber- oder auch Erdhund (byberhund), der Spürhund (spürhund) und der Hund der Bären, Wölfe oder andere große Tiere beißt mit 6 Schillingen vergolten, der Treibhund (treybhund), der Windhund (wyndhund), der Wachtelhund (wachtel hund) der Hütehund (eyn hund den ein hirt umb ein vihe zeuchet) und der Hof- und Wachhund (hoffwart) allerdings nur mit 3 Schilling vergolten werden.

bild 13
Abb. Zeigt den Ausschnitt aus dem Heidelberger Schwabenspiegel,
wo die Wachtel Hunde unter dem Kapitel Cap. CCCLXV „Von spürhunden merck“ erwähnt sind

Erwähnung der Vogelhunde in der Jagdliteratur

Anscheinend fanden die Vogel-, Wachtel- oder Beizhunde zunächst nur Erwähnung in frühen Rechtstexten (Lex, Leges, Spiegel), worin die Schadensersatzansprüche geregelt wurden. Ungefähr ab dem 12. Jahrhundert schien eine Welle an Veröffentlichungen über die Kunst des Jagens, der dazugehörigen Hunde und der Falknerei bzw. über die Beschreibung der Tierwelt im Allgemeinen losgebrochen zu sein, zumindest sind seit dieser Zeit einige wertvolle Bücher erhalten geblieben und von großer Bedeutung. Neben dem bereits s.o. erwähnten „Live de Chasse“ des Gaston Phoebus, seien an dieser Stelle noch einige andere Fundstücke erwähnt:

Deutschland: „De arte venandi cum avibus“ von Kaiser Friedrich II. (1194 - 1250)

Friedrich II. (1194 – 1250) stammte aus dem Adelsgeschlecht der Staufer und war von 1220 bis zu seinem Tode römisch-deutscher Kaiser. „Stupor mundi“ („das Erstaunen der Welt“), so nannten ihn später seine Zeitgenossen, denn Friedrich II. war hochgebildet und sprach mehrere Sprachen. Der Kaiser war den Naturwissenschaften sehr zugetan. So wirkten am Hof des Kaisers zahlreiche Dichter, Wissenschaftler und Künstler.

bild 14

Abb. Zeigt Friedrich II mit einem Falken in einer Buchminiatur
aus dem 2-bändig erhaltenen Codex Vaticanus,
Ms. Pal. Lat. 1071 des „Arte venandi cum avibus“

Zwischen 1241 und 1248 schrieb Friedrich II. seine naturkundliche und wissenschaftliche Abhandlung über die Kunst mit den Vögeln zu jagen „De arte venandi cum avibus“, was bis in die heutige Zeit seine Bedeutung als Standardwerk der Beizjagd nicht verloren hat. Das bedeutende, in seiner naturwissenschaftlichen Ausrichtung höchst bemerkenswerte Werk enthält neben einer Einführung in die allgemeine Vogelkunde auch Anleitungen zu Aufzucht, Dressur und Verwendung der Jagdfalken. Der Kaiser verließ sich nicht auf das, was man ihm sagte (oder was seit altersher geschrieben stand), er suchte seine Aussagen zuvor durch Beobachtungen und Experimente zu erhärten. So schrieb er zu Anfang des Buches "Gewissheit erhält man nicht mit dem Ohr". Er wollte die Dinge, die sind, so wie sie sind, darstellen. Diese strenge Arbeitsweise erlaubte ihm in einzelnen Fragen zu Erkenntnissen zu gelangen, die seiner Zeit weit vorauseilten.

bild 15

Abb. Zeigt detailgenaue Abbildung aus dem
2-bändig erhaltenen Codex Vaticanus,
Ms. Pal. Lat. 1071 des „Arte venandi cum avibus“

 Die reich verzierte und prunkvoll aufgemachte Originalhandschrift Friedrichs, zu deren Vorarbeiten, wie der Kaiser nach eigenen Angaben er „fast ein Menschenalter“ benötigte, ging 1248 bei der Belagerung von Parma verloren und gilt seither als verschollen. Einige Jahre nach dem Tod seines Vaters (1250) ließ König Manfred das väterliche Werk aus Konzepten und Notizen Friedrichs II. neu verfassen. Die älteste erhaltene Handschrift, die Ms. Lat. 419 aus Bologna, wird auf das ausgehende 13. Jahrhundert datiert. Sie enthält allerdings nur die ersten zwei Bücher der Abhandlung. Andere Exemplare dieser 2-Bücher-Version findet man heute in Rom, Wien, Genf, Stuttgart und zweifach in Paris, wovon der Codex Palatinus latinus 1071 aus dem Vatikan die schönste ist. Die Version in sechs Büchern findet man heute in den Bibliotheken von Bologna (Ms. Lat. 717), Paris, Nantes, Valencia, Rennes und Oxford.

Was schreibt Kaiser Friedrich II in seinem Buch über die zur Jagd eingesetzten Hunde?

„Von allen Tieren kann der Hund am leichtesten und vielseitigsten abgerichtet werden und ist wie kein anderes geeignet, sich vom Menschen belehren zu lassen; denn er besitzt Einsicht und Erinnerungsvermögen. Deshalb begreift und behält er, was man ihn lehrt, und hütet sich vor allem, was damit nicht übereinstimmt. So ist man vernünftigerweise darauf gekommen, dass er dem Falken über der Beute helfen soll; und in der Tat, keines anderen Tieres Beistand könnte geeigneter sein als seine. Da also der Hund rascher als alle anderen Tiere dem Falken auf der geschlagenen Beute die erforderliche Hilfe bringen kann und weil eine Hunderasse schneller ist als alle übrigen, und das sind die sogenannten Hasen- oder Windhunde, soll man, gerade um ihrer Schnelligkeit willen, einen von dieser Rasse verwenden. Wenn eben möglich, soll er aus einer Zucht stammen, die schon seit langem darauf abgerichtet wird bei der Beize zu helfen; denn dann wird er es leichter lernen weil er ja von Natur dazu veranlagt ist.“


bild 16
Abb. Einzigste Darstellung von Hunden (Windhunden)
aus dem 2-bändig erhaltenen Codex Vaticanus,
Ms. Pal. Lat. 1071 des „Arte venandi cum avibus“

Die Erkenntnis, dass Friedrich II Wind- oder Hasenhunde zur Beizjagd um der Geschwindigkeit willen empfiehlt, ist erstaunlich, hat man doch sogenannte Wachtel- und Vogelhunde, die dem Falken beim Anwarten auf Wachteln und Rebhühner assistieren sollen, als Beizhunde erwartet. Diese Empfehlung Friedrich’s hat jedoch seine ganz praktischen Gründe, denn er bevorzugte diese Art Hunde für die Beizjagd auf Reiher, Kraniche und Wasservögel. Es könnte jedoch noch eine ganz andere Erklärung dafür geben: Kurt Lindner, ein deutscher Jagdwissenschaftler, vermutet in seiner Abhandlung „Von Falken, Hunden und Pferden“, dass Friedrich II. seinem Werk noch zwei weitere Bücher anschließen wollte: zum einen über die Faustvögel Habicht und Sperber und wahrscheinlich die mit ihnen vornehmlich betriebene Jagd auf Rebhühner und zum anderen über die Krankheiten de Beizvögel. Jedoch kamen beide Teile nicht mehr zur Ausführung.

Friedrich hatte eine recht genaue Vorstellungen davon, wie ein Beizhund beschaffen sein sollte:

„Er soll von gedrungenem Körperbau sein und ein dichtes Fell haben, weil er dann Anstrengung und Kälte besser ertragen kann und ebenso Unbilden der Witterung und Schwierigkeiten des Geländes weniger fürchten wird. Er soll von mittlerer Größe sein, denn wenn er klein wäre würde man ihn im hohen Gras oder Gebüsch nicht sehen; doch wäre er zu groß, möchte ihm die Arbeit wegen seiner Körperfülle schwer fallen. Außerdem könnte er dem Falken gefährlich werden, wenn er stürmisch gegen ihn anprallte oder mit seinen schweren Pfoten auf ihn träte. Ferner soll er beweglich sein, damit ihn die Arbeit nicht verdrießt und er rasch das ausführt, was man von ihm verlangt. Auch soll man einen Rüden wählen, da solche im Gegensatz zu einer Hündin immer zu gebrauchen sind; denn sooft sie läufig oder trächtig ist, kann oder will sie nicht arbeiten. Ist sie läufig, so macht sie die anderen zur Beize abgerichteten Hunde unbrauchbar, und ist sie trächtig kann sie Anstrengungen nicht vertragen. Auch muss der Hund mutig sein und darf sich nicht fürchten, durch Gewässer zu waten oder zu schwimmen und schwieriges Gelände zu duchqueren, wenn der Falke darüber hinweggeflogen ist. Ebenfalls muss er gelehrig sein, um zu begreifen, was man ihm beibringt, und das Gegenteil davon zu unterlassen; gehorsam seinem Herrn, damit er sich aneignet und ausführt was man ihn lehrt, und sich hütet, etwas anderes zu tun.“

Heinrich Mynsinger „Von Falken, Pferden und Hunden“ (um 1460)

Im Jahr 1863 stellt Dr. K. D. Hassler eine Übersetzung von Heinrich Mynsingers Traktat „Von Falken, Pferden und Hunden“ vor. Die ihm vorliegende Handschrift ist eine Abschrift der Clara Hätzlerin aus dem Jahr 1473, die vom Grafen Ludwig vom Württemberg (der ältere) in Auftrag gegeben wurde. Als Verfasser wird in dem Schriftstück der Meister Heinrich Mynsinger, Doktor der Arznei genannt. Der Übersetzer vermutet, dass die Handschrift nicht selbständig sei, sondern dass dem Doktor eine Handschrift von dem Traktat „de Falconibus, Asturibus et Accipitribus“ des Albertus Magnus (um 1200 - 1280) vorgelegen haben muss, denn auf diesen nimmt der Autor häufig Bezug in seinem Text.

Im 4. Teil des Traktats, welches 3 Kapitel beinhaltet, wendet sich Mynsinger den Hunden zu. Das 1. Kapitel beschreibt „was aigenschaft vnd art die hundt gemainlich an In haben“:

„Es ist auch füro zu wissen, das die hund vnder Inen selbs von natur haben ain großen vnderschaid an gestalt, an der größe vnd an dem adel, vnd als vnder den edeln hunden ettlich clain sind als die vogel hund vnd die paiß hund, vnd ettlich größer als die Jagdhund vnd Laitthund vnd ettlich noch größer als die wynd; (..)“

Die Vogel- und Beizhunde werden hier eindeutig den „adeligen und edlen Hunden“ allerdings mit kleiner Größe zugeordnet. Die Adeligkeit bezieht sich vermutlich eher auf die besondere Eignung des Hundes zur Jagd und weniger auf die Reinrassigkeit von der man im Mittelalter noch nicht sprechen kann. Jedoch hatte der Autor schon ein klare Vorstellungen von der äußeren Beschaffenheit eines „edlen“ Jagdhundes, denn das 2. Kapitel behandelt „von den edeln hunden, wie man die erchennen vnd vberkomen vnd auch gesunt behalten sol“:

„Zu dem ersten vnder den Jagdhunden vnd vnder den Laitthunden so ist der alleredelst, der diese nachgeschriben zaichen an Im hat. Die oren sind Im lang vnd das Maul hanget vnd die Naslöcher sind Im weit geschlitzt, der ober lefftz hanget Im auch herab, vnd sein stymm ist hell vnd der swantz ist nit zu lang vnd ist etwas krumb uf die rechten seitten, vnd er trätt In vbersich vnd sein arsloch ist hinden weitt.“

bild 18

Abb. Zeigt den Beginn des 2. Kapitels aus Heinrich Mynsingers Buch
von den Falken, Habichten, Sperbern, Pferden und Hunden,
wo die „edlen Hunde“ beschrieben werden

Mit der im 2. Kapitel Beschreibung des alleredelsten Jagdhundes, könnte man vermuten, dass ein Vorfahr des heutigen Pachon Navarro erwähnt wird, denn der Autor beschreibt einen Hund mit gespaltener Nase. Diese gespaltene (weit geschlitzte) Nase ist heute ein eindeutiges Rassemerkmal für den Pachon Navarro. Dies ist allerdings nur eine recht wage Vermutung.

Während Mynsinger auf den Windhund oder den Wachhund schon genauer eingeht, werden die Vogel- bzw. Beizhunde eher spärlich erwähnt. Im 2. Kapitel des 4. Buches über die Hunde, beschreibt Mynsinger die Ausbildung eines guten Wachhundes und vergleicht die Abrichtung auf der Fährte eines Diebes mit der Abrichtung eines Vogelhundes:

„(..) Wann man In zu dem ersten vff sein füßstapffen weiset, als man recht die vogelhund lert suchen das Repphun vnd die wachtel an der paiß durch schleg vnd drawe, so man sy fürt vff das geuert der hüner vnd der wachteln, die ietz gefangen sind.“

Über den Gerfalken schreibt Mynsinger im 1. Teil seines Buches „Er bedarff auch güter hundt, die darzu gewenet sein, das sy dem valcken, den er gepaißt hat, helffen heben.“  und vom Sakerfalken behauptet Mynsinger, dass dieser den Paißhund fast lieb hätte.

Vogelhunde in der Kunst

Codex Manesse (um 1320)

Der „Codex Manesse“, auch Große Heidelberger Liederhandschrift genannt (Cod. Pal. germ. 848), entstand zwischen 1300 und 1340 in Zürich und ist die umfangreichste Sammlung mittelhochdeutscher, nicht-religöser Lied- und Spruchdichtung. Die umfangreiche Sammlung mittelhochdeutscher Lyrik des Züricher Patriziers Rüdiger Manesse und seines Sohnes, gilt als eine der Hauptquellen für den „Codex Manesse“. Die Handschrift gilt als repräsentative Summe des mittelalterlichen Laienliedes und bildet für den nachklassischen Minnesang die hauptsächliche und in vielen Fällen einzige Quelle.

Berühmt wurde die Handschrift vor allem durch ihre farbenprächtigen, ganzseitigen Miniaturen, die den Strophen von 137 der Sänger vorangestellt sind. Die Miniaturen zeigen die Dichter in idealisierter Form bei höfischen Aktivitäten und gelten als bedeutendes Dokument oberrheinischer gotischer Buchmalerei. Die Miniaturen wurden von vier verschiedenen Malern gefertigt.

Im 2. Kapitel wird der Dichter König Konrad der Junge und sein Begleiter hoch zu Ross begleitet von 2 kleinen, schwarz-weißen Hunden dargestellt. Die Szene stellt dar wie ein Falke einen gerade aufgeflogenen Vogel schlagen will. Es ist anzunehmen, dass dieser Vogel gerade von einem der zwei Hunde hochgemacht (gehoben) wurde.

bild 20

Abb. König Konrad der Junge bei der Beizjagd mit zwei Vogelhunden
aus der Heidelberger Liederhandschrift dem „Codex Manesse“,
Cod. Pal. germ. 848

Steckt im Vogelhund der Vorstehhund?

Vogelhunde wurden in ganz unterschiedlicher Weise zur Jagd auf Vögel eingesetzt und nicht bei jeder Jagdart wurde das Vorstehen im Sinne von liegen, sitzen, erstarren bei Witterung von Federwild benötigt. Zu ihrem Handlungsrepertoire zählte zudem das Buschieren (suchen, finden und hochmachen von Federwild) oder auch ihr Einsatz bei der Jagd auf Wasserwild.

In der Literatur findet man zahlreiche Hinweise darauf, dass das Vorstehen oder Vorliegen eher eine Sache der Abrichtung des Hundes ist. So schreibt Nicholas Cox (1686) in „The Gentleman’s Recreation“ in dem Kapitel „How to select and train a setting-dog from a whelp to come to perfection”  - Wie man einen vorliegenden Hund auswählt und bis zur Perfektion ausbildet:

“The Dog which you select for Setting must have perfect and good scent, and be naturally addicted to the huntig of Feathers. And this Dog may be either Land-Spaniel, Water-Spaniel, or Mungrel of them both; either the Shallow-flewed Hound, Tumbler, Lurcher, or small bastard Mastiff. But there is none better than the Land-spaniel.”

“Der Hund, der zum Vorstehen (setting) dienen soll, muss eine sehr feine Nase haben und von Natur aus eine natürliche Passion für die Jagd von Hühnern besitzen. Ein solcher Hund könnte entweder ein Land-Spaniel, ein Wasser-Spaniel oder eine Mischung von beidem sein; gewiss auch ein gering belefzter Hound1, Tumbler2, Lurcher3 oder ein kleinerer Bastard des Mastiffs4. Allerdings gibt es keinen besseren als den Land-Spaniel.“

1 Die englische Bezeichnung für brackenartige Jagd- und Meutehunde.
2 Der Tumbler ist eine Greyhoundmischung für die Kaninchenjagd. Sie wurden so genannt da sie bei der Jagd sehr wendig agieren konnten und beinahe akrobatische Haken schlagen konnten (= to tumble).
3 Der Lurcher ist ein Hybridhund aus Großbritannien und Irland. Er ist keine Hunderasse im eigentlichen Sinne, sondern eine Gebrauchskreuzung aus zwei oder mehreren Hunderassen unter Beteiligung von Windhunden. Er wurde von den Wilddieben (lur = Dieb) zumeist zur Hasenjagd eingesetzt.
4 Der Mastiff ist auch als „englische Dogge“ bekannt. Als „Mastiff“ oder „englischer Mastiff“ wurden in der Vergangenheit massige Hunde aus Britannien bezeichnet, breitmäulige Hunde mit faltiger Stirn, die auch schon den Römern bekannt waren.

In der heutigen modernen Zeit, in welcher Hunderassen für die unterschiedlichsten Aufgaben möglichst rein gezüchtet werden und hochspezialisiert sind, mutet eine derartige Auswahl von Hounds, Tumbler Lurcher oder Mastiff für diese Jagdart recht seltsam an. Wenn man jedoch bedenkt, dass man im Mittelalter noch nicht von Hunderassen im heutigen Sinne sprechen kann, sondern die Hunde nach ihrem Talent ausgewählt und schließlich ausgebildet wurden, rückt sich das Bild wieder gerade. Nicht das Äußerliche war ausschlaggebend, sondern die Begabungen des einzelnen Hundes für ein bestimmtes jagdliches Aufgabengebiet.

Was ist Vorstehen? Beim Vorstehen erstarrt der Hund in der Bewegung und verharrt angespannt, sobald er mit der Nase die Witterung des Wildes in der Deckung erfasst hat. Es handelt sich dabei um eine Art zeitlich begrenzte Beutegreifhemmung bei Annäherung an das Wild. Dieses Verhalten dient zur Fixierung der Beute. Es ist genetisch verankert und wird auch bei Wildcaniden und Feliden beobachtet. Das natürliche Jagdverhalten der Wildcaniden setzt sich aus folgendem Bewegungsmuster zusammen: Orten -> Fixieren -> Anpirschen -> Hetzen -> Packen -> Töten und schließlich Fressen der Beute. Dieses „Fixieren“ ist also ein natürlicher Teil der Jagdsequenz. Manche Hunde zeigen dieses Vorstehverhalten deutlicher als andere.

Eine der frühesten Hinweise auf derartig veranlagte Hunde finden wir in Xenophons Kynegetikos:

Griechenland: Xenophon’s Kynegetikos (426 v. Chr. - nach 355 v. Chr.)

Xenophon war ein griechischer Schriftsteller, Geschichtsschreiber, Philosoph, Heerführer und Gutsherr. Er lebte von ungefähr 426 v. Chr. bis nach 355 v. Chr. Zu seiner Zeit setzte man die Hunde als Hetzhunde ein. Er beschreibt in seiner Abhandlung über die Jagd, unter anderem die Jagd des Hasen mit Netzen. Die Hunde sollten in der Meute losgelassen den Hasen in seiner Sasse finden, dies durch ihr Verhalten anzeigen um den Hasen dann selbst heraus zu stoßen und dann diesen auf seiner Spur so lange verfolgen, bis der Hase in den aufgestellten Netzen gefangen werden konnte.

Xenophon beschrieb auch die Eigenschaften und Fehler von Hunden, die sich für die Jagd nicht eignen. Unter anderem beschreibt er dort Hunde, die vor dem Wild verharrten und nicht wagten, zu einem Hasen hinzugehen, sondern stehen blieben bis der Hase sich rührt.

„Wird der Hase im voraus von ihnen erblickt: dann zittern sie und gehen nicht vorwärts, ehe sie ihn herausfahren sehen.“

Zu Xenophon’s Zeiten war es jedoch erwünscht, dass die Hunde die Anwesenheit des Hasens durch ihr Verhalten anzeigten, um diesen dann alsbald aus der Sasse zu stoßen und zu verfolgen.

„Sind sie in der Nähe des Hasen, und zeigen dies dem Jäger deutlich an: alsdann muss er Acht haben, dass der Hase nicht aus Furcht vor den Hunden herausfahre. Diese mit den Schwänzen wedelnd, sich drängelnd, die Köpfe erheben den Jäger ansehend, bezeichnend, dass der Hase wirklich in der Nähe sei, werden diesen von selbst austoßen, und ihm laut gebend folgen.“

Xenophons zur Jagd geeignete Jagdhunde zeigten folgendes Bewegungsmuster: Orten -> Anzeigen -> Hetzen -> (Packen -> Töten) bzw. Fang des Hasen im Netz. Die oben genannten, nach Xenophon „weniger geeigneten“ Jagdhunde, die ein „Erzittern“ vor dem Wild zeigten, scheinen ihre Beute durch ein Erstarren ihrer Bewegung „fixiert“ zu haben. Dieses Verhalten deutete Xenophon noch als Schwäche, im Laufe der Jahrhunderte jedoch, mit der Entwicklung der Vogeljagd mit dem Netz bzw. der Etablierung der Beizjagd in Europa hat man sich diese Verhaltensweise zunutze gemacht und die dafür geeigneten Hunde, auf dieses Verhalten hin selektiert. Anscheinend passierte dies über die Jahrhunderte hinweg mehr oder weniger gleichzeitig an verschiedenen Orten Europas, denn viele heute existierende Rassen in Euopa behaupten von sich, dass sie die Vorfahren der heutigen Vorstehhunde seien und das „Missing Link“ zwischen den brackenartigen Hetzhunden und den vorstehenden Hunden darstellen.

Das Vorstehverhalten wurde zur Tugend

Der Mensch machte sich diese Eigenart des Erstarrens vor dem Wild, des Fixierens zunutze, damit der Hund ihm das Wild zeigen konnte. Eine sehr schöne Beschreibung dieses Verhaltens findet man in John Caius „De Canibus Britannicus“ (1570):

“Another sort of Dogges be there, scruiceable for fowling, making no noise either with foote or with tounge, whiles they followe the game. These attend diligently vpon theyr Master and frame their conditions to such beckes, motions, and gestures, as it shall please him to exhibite and make, either going forward, drawing backeward, inclining to the right hand, or yealding toward the left, (In making mencion of fowles my meaning is of the Partridge and the Quaile) when he hath founde the byrde, he keepeth sure and fast silence, he stayeth his steppes and wil proceede no further, and with a close, couert, watching eye, layeth his belly to the grounde and so creepeth forward like a worme. When he approcheth neere to the place where the birde is, he layes him downe, and with a marcke of his pawes, betrayeth the place of the byrdes last abode, whereby it is supposed that this kinde of dogge is called Index, Setter, being in deede a name most consonant and agreable to his quality. The place being knowne by the meanes of the dogge, the fowler immediately openeth and spreedeth his net, intending to take them, which being done the dogge at the accustomed beeke or vsuall signe of his Master ryseth vp by and by, and draweth neerer to the fowle that by his presence they might be the authors of their owne insnaring, and be ready intangled in the prepared net.”

“Es gibt eine Art Hunde für Federwild, die vollständig lautlos und stumm jagen, ihren Herrn immer im Auge behalten, seine Bewegungen genau beobachten und je nachdem er beispielsweise die rechte oder die linke Hand hebt, vorwärts oder rückwärts gehen. Hat der Hund Hühner gefunden, bleibt er stumm wie angewurzelt stehen, dann legt er sich, scharf beobachtend, auf den Bauch und kriecht vorwärts, wie ein Wurm, bis er in der Nähe ruhig liegen bleibt und mit der Pfote die Richtung zeigt. Deshalb wird er auch Index genannt, ein Name, der seinen Eigenschaften sehr entspricht. Wenn man nun dank des Hundes genau weiß, wo die Hühner liegen, lässt man die Leute ihre Netze ausbreiten, um die Hühner zu fangen. Und auf den Wink des Herrn zieht der Hund langsam nach und drückt die Hühner gegen die Netze.“